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Schwarzes Eis im gelobten Land

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schwarzes eis Wenige Monate nach Wolfgang Ruges „Gelobtes Land: Meine Jahre in Stalins Sowjetunion“ erschien im Rowohlt Verlag jetzt Sergej Lochthofens „Schwarzes Eis: Der Lebensroman meines Vaters“. Darin erzählt der Journalist und ehemalige Chefredakteur der “Thüringer Allgemeine” das Leben seines Vaters Lorenz Lochthofen, der Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts nach einem Zusammenstoß mit der SA aus Dortmund in die Sowjetunion floh, damals auch sein „gelobten Land“. Am Morgen des 22. Oktober 1937, wenige Stunden nach seinem dreißigsten Geburtstag, wird er vom NKWD in Engels, seinem Wohn- und Arbeitsort an der Wolga, verhaftet. Nach fast 20 Jahren in sowjetischen Straflagern und Verbannung in Workuta in der russischen Arktis kehrt er erst 1958 nach Deutschland, in die DDR zurück. Doch trotz seiner Erfolge als Wirtschaftsmanager in Thüringen bleibt er sein Leben lang ein „Ehemaliger“, von der politischen Führung im Land beargwöhnt, weil er die Arbeitslager der „Eigenen“ überlebt hat.

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Sergej Lochthofen, 1953 in Workuta geboren und als Fünfjähriger mit den Eltern in die DDR gekommen, trug Jahrzehnte die Idee in sich, die Geschichte seines Vaters aufzuschreiben.

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„Den Zeiten misstrauend, in denen allein schon das Sammeln von Nachrichten Menschen hinter Gitter brachte, hielt ich meine Gespräche mit Vater und Großvater auf unscheinbaren Zetteln, auf Packpapier fest und verbarg die Texte in einem Stapel der Literaturzeitschrift ‚Nowy Mir’. Darauf hoffend, dass sich kein Stasimitarbeiter die Mühe machen würde, die ‚Russenhefte’ zu durchwühlen, halfen mir diese Notizen Jahrzehnte später, Ereignisse und Gespräche zu rekonstruieren und Lücken durch Recherchen zu schließen“, schreibt der studierte Journalist über die Entstehungsgeschichte des Romans. Über seinen Vater schreibt er, dass das Buch jedoch vor allem vom Talent seines Vaters lebt, packend zu erzählen. „Ein Talent, das neben dem schieren Glück im großen Unglück einer Odyssee der Gefangenschaft mindestens so wichtig war wie die Fähigkeit, mit eigenen Händen für ein Überleben unter unmenschlichen Bedingungen zu sorgen“, so der Autor über seinen Vater.

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Das Anliegen seines Buches, wonach „Schwarzes Eis eine Erinnerung an das große Experiment ist, das 1917 begann und siebzig Jahre später im völligen Zusammenbruch endete“, steht auch für die Bücher von Eugen und Wolfgang Ruge, auch für Cornelius Weiss’ „Risse in der Zeit“, die alle innerhalb eines knappen Jahres im Rowohlt Verlag erschienen sind. Es ist eben nicht so, dass diese schreckliche Zeit bereits aufgearbeitet, die Geschichten erzählt sind, wie einige meinen. Seit Alexander Solschenizyn 1968 in „Archipel Gulag“ über die Schrecken der sowjetischen Straflager geschrieben hat, mussten vier Jahrzehnte vergehen, bevor die jetzt vorliegenden Bücher geschrieben werden konnten. Was auch daran liegt, dass sowohl Wolfgang Ruge als auch Lorenz Lochthofen und Carl Friedrich Weiss mit ihren Familien aus der Sowjetunion in die DDR zurückkehrten, weil sie trotz allem der Idee des ‚Sozialismus treu geblieben waren. Auch wenn sich ihre Einstellung dazu im Laufe der Jahre ändern sollte, hatten sie ihre Entscheidung doch getroffen und blieben dabei. Und vor 1990 ließ sich über vieles nicht schreiben, wie der Autor von „Schwarzes Eis“ in vielen Textpassagen verdeutlicht. Jetzt ist die Zeit gekommen, die vorliegenden und weitere Schicksalsgeschichten zu erzählen, durch die ganze Familien auseinandergerissen wurden und oft genug nicht wieder zusammenkamen.

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„Schwarzes Eis“ erzählt Lorenz Lochthofens Leben zwischen der Verhaftung im Oktober 1937 und einem Tag im Jahr 1963. In Teasern, den einzelnen Jahren vorangestellt, fasst der Erzähler und Autor aus seiner Sicht wichtige deutsche, sowjetische und internationale Ereignisse zusammen. Den Titel des Buches hat der Autor aus dem Jahr 1938 gewählt, als sein Vater in einer Gefangenenkolonne den Fluss Workuta in der Arktis erreichte: „Was ihm in diesen Tagen und Monaten widerfuhr, das war die Umwertung all seiner bisherigen Erfahrungen: Was sicher galt, war zerbrochen. Was sauber schien, lag im Schmutz. Was wahr zu sein hatte, wurde Lüge“, so schildert der Sohn die Erfahrungen des Vaters am Beginn seines langen Leidenswegs durch Gulag und Verbannung in Workuta.

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Lorenz überlebt das Grauen, heiratet erneut und kann mit seiner russischen Frau und den beiden in Workuta geborenen Söhnen 1958 die Sowjetunion endlich verlassen. Die Familie zieht nach Gotha und der Vater wird ein unkonventioneller, aber erfolgreicher Wirtschaftsmann, zuletzt leitet er das Büromaschinenwerk Sömmerda. 1963 trifft er auf Erich Apel, den Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission der DDR, die beiden Männer unterhalten sich freundschaftlich. Einige Zeit nach dieser Begegnung erleidet Lorenz Lochthofen einen Herzinfarkt, von dem er sich nicht mehr erholt. Das Büromaschinenwerk Sömmerda, das durch ihn einen rasanten Aufschwung genommen hatte, stürzt binnen kurzer Zeit ab und erholt sich davon auch später nicht mehr. Erich Apel erschießt sich Anfang Dezember 1965, kurz vor der Unterzeichnung des Wirtschaftsabkommens mit der Sowjetunion, „weil er nicht bereit war, einen Knebelvertrag mit den Russen zu unterschreiben. Der einzige und letzte Versuch in Ostberlin, sich von Moskau wenigstens in Wirtschaftsfragen zu emanzipieren, scheiterte“, so der Autor in seinem Buch.

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Vor allem in den DDR- Kapiteln finden sich kritische Anmerkungen zu den damals herrschenden Verhältnissen im Land, aber auch zu den schwierigen Verknüpfungen zwischen der Sowjetunion und der DDR. Ob diese vom Autor oder seinem Vater geäußert werden, ist nicht klar auszumachen. Da sich der 1989 verstorbene Lorenz Lochthofen nicht mehr über die Geschehnisse seines Lebens aus heutiger Sicht äußern konnte, hätte es sein Sohn Sergej Lochthofen für schwarzes eis ihn und sich selbst tun können. Das abschließende Kapitel aus dem Jahr 2012 wäre dafür eine gute Plattform gewesen. Aber in dem nur viereinhalb Seiten umfassenden Text erzählt der Autor lediglich von der Stasi-Akte seines Vaters. „Der Umschlag war dünn. Enttäuschend dünn“, lauten die ersten Worte des Kapitels, das für mich ebenfalls dünn und enttäuschend bleibt.

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Wünschenswert wäre auch ein Personenregister gewesen und vorstellbar, weil den Text erläuternd, etwas zur Wirtschaft in der DDR Ende der 50iger und Anfang der 60iger Jahre. Aber leider endet das Buch mit dem schon erwähnten Kapitel.

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„Schwarzes Eis“ ist im Rowohlt-Verlag erschienen und hat 448 Seiten. Für 19,95 € ist es im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.

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