Die Wurzeln alles Bösen
Ich bin ja mehr so von der schnellen Sorte, was die Herbeischaffung von harten Tatsachen betrifft. Und Tatsachen sind ja in der Regel recht schwer verdaulich, was mich aber über die Jahre ebenso recht wenig störte, da sich an den von mir geschaffenen Tatsachen nur mein sogenanntes soziales Umfeld die Zähne dran ausbeißen durfte. Da ich aber erkannte, dass gesunde Zähne ein überaus wertvolles Gut sind - man hat ja schließlich keine Haifische in der näheren genetischen Verwandtschaft, bei denen zig Zahnreihen einfach so nachgeschoben werden wenn die alten Beißerchen abgenutzt sind, und auch keinerlei Saufbekanntschaften bei der AOK, welche eventuell horrenden Rabatt bei Zahnersatz einräumen könnte - gilt es seit geraumer Zeit in meiner Familie als Standard, meinen Tatendrang innerhalb der Familie öffentlich zu machen. Und zwar bevor ich tätig werde.
Gegen die Mittagszeit des 2. Feiertages des alljährlichen Gelages namens Weihnacht drängt es mich zum Beispiel immer, den Baum abzuputzen und zu entsorgen, da er meiner Meinung nach gleich dem Mohren seine Schuldigkeit getan hat, und somit nun dazu bestimmt ist, den Weg aller Dinge zu gehen, was in seinem Fall heißt, erst mal im Hof zwischengelagert zu werden. Natürlich sind in meinem Hof nicht alle Dinge, welche der Vergänglichkeit anheim fallen müssen oder schon sind, angehäuft. Sämtliche Vorfahren wie auch Haustiere wurden immer ordnungsgemäß auf den dafür bestimmten Feldern entsorgt. Wenn man mal von dem Hamster absieht, welchen ich in die Mülltonne warf, da ich glaubte, er wäre verstorben, dabei war er nur angesichts der niedrigen Temperaturen in eine Winterstarre gefallen. Aber dies ist eine andere Geschichte.
Da meine Gattin aber emotional aus einem anderen Material als ich gefertigt scheint, besteht sie immer darauf, der Baum solle gefälligst noch stehen bleiben, wobei sie, was den Termin der Entsorgung betrifft, stets recht nebulös bleibt. Worauf nun an jedem 2. Feiertag in meinem Hause harte Verhandlungen stattfinden. Landläufig gehen da die Meinungen auch weit auseinander, denn während die einen sagen, der Baum habe bis zum 6.Januar zu stehen, weil da ein christlicher Gedenktag der Heiligen Drei Könige sei, lassen andere das Nadeltier bis zum Lichtmess am 2. Februar unbehelligt, nur am 2. Feiertag, so ergaben meine Recherchen, ist kaum jemand gewillt, den Christbaum nackig zu machen.
Nun halte ich aber mein Ansinnen nicht für ungewöhnlich oder gar behandlungswürdig. Bekanntlich hat alles ein Ende und alte Zöpfe gehören abgeschnitten, bevor man über diese stolpert und gefühlsmäßig gehörig aufs Maul fällt. Ich will es mal so sagen: wer am Wochenende nach Aschermittwoch noch mit Roter Pappnase und Kapp angetroffen wird, gilt entweder als ewig Gestriger, einer der sich nicht im Hier und Jetzt aufhält, der so auffällt wie ein klapperdürrer Veganer in der Feinschmecker-Etage des KaDeWe, oder als ein dem Fusel hoffnungslos Verfallener, welchem es nicht gelang, die Notbremse zu ziehen, sei es auch nur, weil er diese im Vollrausch abmonierte und gegen einen Pappkarton Französischen Landweins für 1,30 den Liter eintauschte.
Ich aber bin kein ewig Gestriger und trinke verantwortungsvoll, also heimlich, was mich als einen mit beiden Beinen in der Realität Verwurzelten kennzeichnet, und so fordere ich: Raus mit dem Baum! Denn schlussendlich muss man am 2. Feiertag doch das Resümee ziehen: der Braten ist zu gut über 70 Prozent verdrückt, die Geschenke fast schon wieder technisch überholt, der Weinkeller furztrocken, und das televisionäre Feiertagsprogramm trifft auch nur noch auf übersättigte Sinne. Kurz und knapp: des Fest ist gelaufen. Nur meiner Gattin, der ist dieses, trotz meiner doch recht ordentlichen Argumentation, so was von schnuppe. Sie beharrt auf goldenem Lametta, glitzernden Kugeln und Glöckchen, Baumbehang aus Lebkuchen und Porzellan, und das alles am im Bereich der Waden amputiertem Baum, bis wohl die letzte Nadel fällt.
Doch da muss ich nun durch. Allein der Zähne wegen.
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