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Oma trifft den richtigen Ton

kolumnistenschwein 150In der vergangenen Woche war ich zwecks einer beruflichen Weiterbildung in Erfurt zugegen. Wer Erfurt nicht kennt, dem sei gesagt, es ist ein angenehmes Städtchen, nicht zu groß, um darin wahnsinnig zu werden, aber immerhin noch klein genug, um, ist man dennoch wahnsinnig darin geworden, diesen Zustand in angenehmer Anonymität ausleben zu können. Es ist keinesfalls was man ein Ballungszentrum nennt, wenn man mal von den Ballungszentren absieht, die sich immer in Nähe der Discounter bilden und zumeist aus Menschen bestehen, die vom System zum Scheitern verurteilt wurden. Und dies allein aus dem Anklagepunkt heraus, als Mensch ohne silbernen Löffel im Mund geboren zu sein.

Unterschicht ist meiner Meinung nach nicht dafür die richtige Bezeichnung, denn zur Unterschicht ist ja schon seit längerem im Lande die Mittelschicht degradiert, was nun dazu führt, für die ehemalige Unterschicht einen neuen Begriff finden zu müssen. Eine Aufgabe allerdings, die ich mir für die kommenden gedankenschweren Stunden schlafloser Nächte aufspare. Und es ist auf jeden Fall besser als Schafe zählen, denn ich halte die Viecher nie lange auseinander, sie gleichen sich für mich im Aussehen, wie in der Skrupellosigkeit ein politischer Karrierist dem anderen. Nun war es so, dass ich seit längerem keinen Blick in die schriftliche Einladung zum betreffenden Seminar warf, was dazu führte, dass ich eine Stunde zu früh im Saal saß, diesen aber nach Aufklärung durch eine Schreibkraft wieder verließ und zuflucht nahm in einer in der Nähe angesiedelten Backwarenhandlung, in der man wohl aus finanziellen Gründen auch zuließ, die angebotenen Waren in genau diesem Laden zu verzehren, was immerhin von einem recht großen Selbstvertrauen zeugt. Ich wählte ein Stück Kuchen, welches laut Auslage mit “Omas Schlemmerkuchen” beworben wurde.

Da ich von Natur aus überdurchschnittlich kritisch bin, erkundigte ich mich bei der nett anzuschauenden Backwarenfachverkäuferin, ob dieser Kuchen tatsächlich von Oma sei, was diese mit einem Grinsen und dem Satz, Oma sei schon weit vor 5 Uhr aufgestanden, um diesen Schlemmerkucken zu backen, bestätigte. Ich verkniff mir die Frage, ob Oma bei dieser Gelegenheit auch gleich den Kaffee mit röstete, den ich mir zum Kuchen bestellte, denn dieser wurde mit “röstfrisch” auf den Werbeplakaten und ausliegenden Preislisten angeboten. Eine fleißige alte Frau, schoss es mir durch den Kopf. Wurde vielleicht schon in den Wirren des 1.Weltkrieges geboren, gebar dann irgendwann für Führer und Vaterland vier an der Front verlorene Söhne, und nun, wo dass übernächste Dreckssystem am Ruder ist, da gebiert sie dem hungrigen wie wissensdurstigem Zufrühaufsteher selbstgebackenen Schlemmerkuchen!

Zudem bestand das Angebot in dieser Bäckerei ja nicht nur aus Schlemmerkuchen, nein zig andere Sorten Kuchen wurden gegen Bares veräußert, dazu unzählige Brotsorten und Semmeln. Doch nicht nur diese Tatsche, auch das immer noch leicht vorhandene Lächeln der Servicekraft ließen mich vermuten, dass sie diese Oma nur herbei fabuliert hat, um somit meiner doch sehr ernst gemeinten Frage mittels niedrigprozentigem Spott den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch, so frage ich mich, warum bietet man dem Kunden und politisch interessiertem Bürgern immer nur Produkte an, deren  Zustand nimmer hält, was die Titulierung verspricht? Gewiss, der Kuchen war lecker und bekömmlich, doch vermute ich sehr, würde man ihn wirklich nach seinem Ursprung bezeichnen, so hieße er nicht “Omas Schlemmerkuchen”, als denn vielmehr “Unter Zugabe von rund 70 Zusatzstoffen in einem westlich gelegenem Großwarenbackbetrieb industriell gefertigte kuchenähnliche Substanz”. Da steht die Oma nicht mal am Band. Die liegt nämlich wund im Bett eines drittklassigem Pflegeheimes und wünscht sich nichts mehr, als dass der bekiffte Pfleger vom Nachtdienst doch anstelle ihrer vier Söhne vor Stalingrad verreckt wäre. Die Weisheit des Alters mutiert eben schnell zum Zorn, wo dem Körper Fesseln angelegt sind, der Geist aber noch weitgehend frei ist. Anders gesagt: wo Gebrechlichkeit verhindert, der überforderten Zuständigkeit in den Arsch zu treten, da übernimmt das gedachte Wort.

Und wenn schon der Kuchen also völlig unkorrekt bezeichnet wurde, so graust es mich gehörig bei der Vorstellung, welchem Namen wir wohl unserer gegenwärtigen Form von Demokratie geben müssten, wenn wir das von Lobbyismus und Sozialdarwinismus gewebte Gespinst herunter reißen. Nur eines weiß ich gewiss: “Omas Schlemmersystem” trifft es bestimmt nur bedingt.


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  19.06.2013 The Intelligence
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