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Wenn der Sensenmann nebenan wohnt

kolumnistenschweinNun haben wir also die in Nähe Genf beheimatete europäische Organisation für Atomforschung, welche sich unter anderem mit solch Dingen wie dem Aufbau der Materie beschäftigt, und von der man gewiss laut und ohne jegliche Abmahngefahr behaupten kann, dass sie jährlich so einiges an millionenschweren Steuerbatzen verschlingt, doch ist diese Organisation - ihrem sehr großzügig zu nennenden finanziellem Unterbau zum Trotze - scheinbar nicht in der Lage zu sagen, warum Rentner ihren Rasen immer in samstäglichen Morgenstunden oder wochentags nach 16 Uhr mähen müssen, also genau zu jenen Stunden, in denen erschöpfte deutsche Arbeitnehmer nach Schichtschluss oder am Wochenende nun vergebens auf Ruhe und Erholung hoffen, dabei bestehen doch Rentner zweifelsohne auch nur aus Materie.

Eventuell ist es ja auch nur so eine Art Pawlowscher Reflex, ein Reflex, der den jetzigen Senioren über viele vergangene Berufsjahre hinweg antrainiert wurde: Man mäht zu der Zeit, zu der man schon zu Kaisers Zeiten mähte. Also nach Feierabend. Doch ein Rentner, der hat doch immer Feierabend. Sogar gleich nach dem Aufstehen. Wo unsereins in der von Lärm aufgedunsenen Werkhalle steht und dem Generationsvertrag gemäß robotet, damit deutsche Rentner auch weiterhin Rasenmäher kaufen können, um damit die wohlverdiente Feierabendsruhe mitteldeutscher Lohnstücksklaven zu torpedieren. Und auch der Samstagmorgen muss dann und wann herhalten, damit der von 45-stündiger Wochenarbeitszeit gemarterte nachbarliche Lohndiener spätestens 7.30 Uhr von Verbrennungsmotorgeräuschen und dem Geruch frisch geköpfter Grashalme geweckt wird. So als könnte der was dafür, dass der ergraute Nachbar zwei Weltkriege verloren hat. Und wenn solch eine Vorgehensweise nicht von CERN, wir erinnern uns: die europäische Organisation für Atomforschung, wenn also CERN nicht begründen kann, warum deutsche Senioren in puncto Pflege ihres englischen Rasens so sind, wie sie sind, so bin ich der Meinung, von meinen steuerlichen Abzügen sollte der Anteil für CERN um 40 Prozent gekürzt werden. Mindestens. Denn schließlich: Was nutzt ein Teilchenbeschleuniger, wenn ich samstags nicht ausschlafen kann?! Den Einwand, ich sei doch sowieso Frühaufsteher und somit könne es mir doch scheißegal sein, ob die Luft benzingrasaftgeschwängert sei und der Lärmpegel auf dem Nachbargrundstück an Hubschrauber über vietnamesischem Dschungel erinnert, so sage ich: Ich möchte aber lang und ergiebig ausschlafen können, sofern ich dieses nur wollen wollen tät!

Doch heute ist ja 1. Mai, da schweigen die Rasenmäher und alle Bänder stehen still, weil, es ist Tag der Arbeit, heut wächst kein Bruttosozialprodukt, nur das Gras wächst weiter und die Rentner stehen deshalb zähneknirschend und mit Schaum vorm Mund hinter von Nikotin und Eisbeindampf gefärbter Küchengardine und schimpfen auf den Staat, der es zulässt, dass das Gras heut ungestraft in die Höhe schießen darf, und Arbeitnehmer in muffigen Schlafzimmern dahindümpeln dürfen, und wer weiß, vielleicht sind ja sogar mehrere Wehrdienstverweigerer darunter! Und der Senior stampft rumpelnd humpelnd ins eheliche Schlafgemach um die Gattin voll zu nölen, sozusagen als Ersatzhandlung, weil er nicht feiertags um 7.30 Uhr früh den Rasen kürzen darf. Und Oma wünscht Opa in die Wüste, da die erstens sehr weit weg und zweitens dort weit und breit nicht die Spur einer Wiese zu finden ist. Und sie steht auf und kocht “guten” Bohnenkaffee, streicht sich das graue dünne Haar aus dem Gesicht und stellt zum wiederholten Male fest, es fehlen im Gewürzbord Zyankali und Strychnin.

“Es gibt guten Bohnenkaffee!”, war auch so ein Standardsatz, welchen ich von meiner Oma sehr oft hören durfte. Wohl noch so ein Überbleibsel aus Kriegstagen, in denen Bohnenkaffee noch seltener als der Endsieg war, und man eigentlich alles überbrühte und als Kaffee-Ersatz soff. Den Melitta-Mann hätte man da glattweg wegen Wehrkraftzersetzung erschossen. Nun ja, Oma liegt ja schon längst unter der Erde und ich, ich bleibe heute auch ein wenig länger liegen. Und danach werde ich duschen und kräftig frühstücken und dann zu Kohlensack und Strick und Chloroform langen und den nachbarlichen Rentner einsacken und per Kofferraum nach Genf schicken, damit die Damen und Herren in ihren langen weißen Kitteln ihn mal gründlich durchchecken können, ob das mit dem Rasenmähen nach Feierabend oder am Samstagmorgen eventuell etwas mit dem Aufbau der Atome zu tun hat. Die Problematik mit der Schwarzen Materie haben sie ja bis dato noch nicht gelöst. Vielleicht gelingt es ihnen ja bei der Grauen Materie.


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