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Ein kurzer Blick ins Reagenzglas

kolumnistenschweinIch bin kein großer Gegner des technischen Fortschrittes, auch wenn ich weiß, dessen Preis mag uns durchaus in naher Zukunft den Kopf kosten. Bekanntermaßen ist ja unser Planet, was seine Energie und seine Substanzen betrifft, gänzlich endlich, und da muss man nicht Ries oder Gauß heißen, um an seinen fünf Fingern ausrechnen zu können, alsbald ist es mit den seltenen Erden, dem Öl und dem Thunfisch finito. Und unbestreitbar mag der Mensch ja vor Erfindungsreichtum strotzen, so dass er gewisslich irgendwann in der Lage sein wird, seltene Erden und Öl durch neue in staatlich stattlich subventionierten Denkfabriken erdachte Substanzen zu ersetzen, doch ein Thunfischsalat ohne Thunfisch, das kriegen alle Doktoren der Physik und der Chemie selbst mit unendlich tiefen Fördergeldtöpfen nicht hin.

Und wenn ich auch in den Wissenschaften hingewandten Zeitschriften las, dass man Steaks in naher Zukunft in Labors wachsen lassen könne, so will ich mir ein solches gar nicht erst vorstellen wollen. Mag es der geknechteten Kreatur auch zugutekommen, doch hat bei mir noch nie einer jener in diesen Laboren werkelten Eierköpfen an meiner Türe geklingelt, um mir mitzuteilen, was allein modifizierte Stärke aus mir macht, was im Hinblick auf die zukünftigen modifizierten Hüftssteaks meine Geschmacksknospen nicht unbedingt in Vorfreude im Dreieck springen lässt. Mag es der Hunger dann auch rein treiben, so muss dem Steak bestimmt eine Flasche ebenfalls künstlich erzeugter Speichel beigefügt werden, denn meine Drüsen treten bei Plastikfleisch bestimmt in unbefristeten Hungerstreik.

Kritische Menschen mögen nun bemängeln, dass ich doch im ersten Satz behauptete, mich dem technischen Fortschritt nicht dem Knüppel gleich in den Weg werfen zu wollen, aber nur zwei, drei Sätze weiter die Chuzpe habe, diesen Fortschritt auf dem Gebiet der Lebensmittelproduktion in Frage zu stellen, nur weil Herr Leckermaul so seine Marotten hat und partout nur in natura aufgewachsenes Protein auf seinem Teller sehen will. Diese Kritik mag berechtigt sein, doch verweise ich auf unseren demokratischen Standard, wonach der Bürger stets und ständig jenes wählt und auch wählen darf, was ihm subjektiv weniger Schmerzen bereitet oder aber eben auch mehr Genuss, was bei jedweder Wahl dazu führt, dass nicht der Verstand in der Wahlkabine sitzt, sondern der Magen oder das im menschlichen Hirn Quartier bezogene Belohnungszentrum. Was man unter anderem auch daran erkennt, dass in Kreisen, die auf Grund niedrigster Einkommen keine oder so gut wie keine Steuern zahlen, die FDP bei einer vergangenen Bundestagswahl auf 15 Prozent kam, nur weil sie eine Steuersenkung versprach. Der war der Verstand nicht nur nicht in der Wahlkabine, er war scheinbar zwischen Discount-Bier und RTLII auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Der Begriff Fortschritt kann und darf auch durch das Synonym Erleichterung ersetzt werden, was uns zeigt, dass ein Fortschritt stets eine Verbesserung des Gegenwärtigen für den Menschen mit sich bringen muss. Selbstverständlich geht dieses auf Grund marktrelevanter Gewinnorientierung immer und immer wieder in die Hosen, denn wenn auch die Maschinen, die uns doch den Alltag erleichtern sollten, immer moderner werden, so werden sie doch stets zweckentfremdet, denn nicht die Erleichterung des menschlichen Lebens steht in deren Mittelpunkt, sondern allein die Überfüllung der Geldbörsen weltweiter Industrie- und Finanzmagnaten.

Und ja, auch ich picke mir, was den technischen Fortschritt betrifft, die Rosinen heraus. Schließlich hat wenigstens mein Smartphone mir eine Erleichterung gebracht, so wie es das Synonym versprach. Denn früher, da wurden alle Termine bei Ärzten, Behörden und Zwischenmenschen auf Zetteln von mir per Kühlschrankmagnet an der Kühlschranktür befestigt und halbstündlich kontrolliert, um ja auch keinen Termin zu verpassen. Heute piepst mein Smartphone in der Hosentasche wenn ein Termin ansteht und kein Mensch braucht mehr mit ausgehängter Kühlschranktür vor die Türe gehen, um nicht Gefahr zu laufen, wegen verpasster Termine vor dem sozialen Aus zu stehen.

Deshalb von mir folgendes Statement: gepimpte Kühlschranktüren: ja, gepimpte Rinderhüftsteaks: nein. Und lieber soll mir der Fortschritt doch den Kopf kosten, als dass ich wegen eines von herumgeschleppter Kühlschranktüre verursachten Bandscheibenschadens krumm gehe. Denn nie war ein Rückgrat wichtiger als heute.


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  25.05.2013 The Intelligence
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