Der neue Tatort: Die Spur führt ins Kanzleramt
Meine Gattin ist ja nun seit Jahr und Tag Tatort-Fan, womit ich die Sonntagabende - was die Auswahl des Fernsehprogramms angeht - regelmäßig und verdrießlich in die Röhre gucke. Was aber an den meisten Sonntagabenden für mich nicht wirklich von Belang ist, denn selten läuft auf irgendeinem Kanal eine Sendung, die es in meinen Augen wirklich verdient, mit eben selben von mir okular aufgesaugt zu werden. Auch wenn die Privaten mit in Amerika gekauften Blockbustern locken: ein Film, den man mittels Werbepausen bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt, verspricht genau soviel Hochgenuss wie eine Schwarzwälder Kirschtorte, deren Zutaten man einzeln zu sich nimmt. Da lasse ich meiner Frau doch gern ihren ARD-Sonntagabendkrimi, bei welchem man wenigstens von vornherein weiß, da wird nicht der gebührenfinanzierte Fernsehfilm, sondern nur dann und wann eine Leiche parzelliert.
Zu Zeiten, zu denen der Götz George noch den Schimanski gab, da saß ich auch dann und wann samt und neben der Gattin vorm TV-Gerät, denn wenn Schimmi ermittelte, da wusste man, es gibt für die Bösen ordentlich was auf die Glocke, für den voyeuristisch veranlagten Gebührenzahler wie mich fast immer nackte Brüste, und oft genug wurde an die Beine der korrupten Obrigkeit gepisst, also insgesamt ein stimmiges Gemälde wünschenswerter Polizeiarbeit, welches man sich als dem gesellschaftlichen Chaos wenig Zugeneigter sehr gern neben den röhrenden Hirsch in die Wohnstube hängt. Auch wenn Schimanski selbst als Person die Konfusion in Reinkultur war. Aber warum auch nicht, denn es gilt doch längst zwischen Grundgesetz und StVO als gültiger Standard, dass man den Teufel auch mit dem Beelzebub austreiben darf.
Während also Schimanski noch Mensch unter Menschen war, sind die Krimis neuerer Art zumeist nur von Psychopathen besetzt. Manchmal sogar in den Rollen der Kriminellen. Darum an dieser Stelle ein von mir verfasstes Drehbuch für einen Tatort, welchen ich mir samt Gemahlin gern an einem der kommenden Sonntagabende ansehen würde, da ich weiß, in diesem Krimi, da menschelt es gehörig, da schimmert die Realität nicht nur durch, da ist sie Blaupause gewesen, und nirgends lauert dem ahnungslosen Zuschauer ein sexuell degenerierter Psychopath auf, wie man ihn nicht einmal im niederbayrischen Hinterwald vermuten würde.
Arbeitstitel: Die Spur führt ins Kanzleramt
Nahe Leipzig wird im Vorgarten einer in der Klassenlotterie gewonnenen 1-Million-Euro-Villa die Leiche des Geschäftsführers einer im Saarland produzierenden Solarzellenfirma gefunden. Die Villa gehört dem Langzeitarbeitslosen Uwe S., der sich seitdem Gewinn ebendieser Villa bemüht, den Erhalt der Immobilie mit Zeitungen austragen und einem Job im Nagelstudio auf 140-Euro-Basis zu finanzieren. Der Schädel des Toten ist zertrümmert. Neben der Leiche liegt ein blutverschmierter 20-Kilo-Vorschlaghammer. In der Brust findet sich ein Einschussloch - wie die Untersuchungen später ergeben - vom Projektil einer in der Schweiz produzierten 9-Millimeter-Handfeuerwaffe. Im Rücken steckt ein Eispickel minderer Qualität “Made in China”. In der Pathologie werden später noch im Verdauungstrakt des Toten die Menge von 700 Gramm Zyankali gefunden. Die Leipziger Mordkommission unter Hauptkommissar Andreas Keppler geht nach Sichtung aller Indizien von einem Unfall aus. Nur Kepplers Kollegin Eva Saalfeld ist skeptisch angesichts des fehlenden linken Fußes des Opfers und den 10 kleinen Tüten in der rechten Hand des Toten, Tüten mit Dünger, wie sie den Blumensträußen beim Discounter immer beigefügt sind.
Still und leise hegt sie ihre Zweifel, während Keppler damit beschäftigt ist, der IHK Ost schonend beizubringen, dass ein Geschäftsführer aus dem Bereich IHK West in ihrem Zuständigkeitsbereich verunfallt ist, was bei den diesjährigen Vorstandswahlen des Gesamtverbandes gewiss die eine oder andere Unstimmigkeit aufwerfen könnte.
Hauptkommissarin Saalfeld verhört indes die französische Köchin des Langzeitarbeitslosen Uwe S., welche vor circa neun Wochen den Toten im Vorgarten fand, aber erst heute morgen zur Polizei ging, weil sie davon ausging, es handele sich um Uwe S. unehelichen Sohn, der nach übermäßigem Genuss von illegalen Drogen nur seinen Rausch zwischen Rhododendron und Pfingstrosen ausschlafen wollte.
Noch einmal geht Eva Saalfeld zurück zum Fundort des Toten und entdeckt nur eine Fußbreite entfernt einen vier Kilo schweren Aktenordner, welcher durch die ständig am Limit arbeiteten Ermittler übersehen wurde. Im Ordner befinden sich Akten mit Schriftzeichen in Chu Nom (klassische vietnamesische Sprache) und Ausdrucke illegal heruntergeladener Kochrezepte einer Seite namens “Marions Kochbuch”. Hauptkommissarin Saalfeld grübelt. Führt die Spur tatsächlich nach Bremen? Noch am selben Tag telefoniert sie mit ihrer in der Hansestadt ermittelnden Kollegin. Hauptkommissarin Inga Lürsen übernimmt umgehend den Fall.
Anfänglich ist Hauptkommissar Andreas Keppler angesichts des Alleinganges seiner Kollegin wenig erfreut. Doch bei einem gemeinsamen Abendessen in Leipzigs zweitältester Gaststätte “Auerbachs Keller” - es gibt “Geschmortes aus dem Fördertopf” und rumänischen Rotwein “Mädchentraube”! - geht der Zwist schnell zwischen Schmatzen und Rülpsen unter. Und wie sie gerade dabei sind sich wegen aufquellendem Wanst gegenseitig den Hosenlatz zu öffnen, erhält Eva Saalfeld einen Anruf aus Bremen, in welchem ihr mitgeteilt wird, dass Vorschlaghammer, Einschussloch, Zyankali und Eispickel in Verbindung mit der kürzlich im Bund beschlossenen Kürzung der Solarförderung und den im neben der Leiche liegenden Aktenordner vorgefunden Papieren eine eindeutige Sprache sprächen. Nur eine Stunde später wird Philipp Rösler verhaftet. Keppler bestellt die fünfte Flasche Wein.
Etwaige Unstimmigkeiten (Wo ist der fehlende Fuß? Und in welchem Zusammenhang stehen dazu die Rezepte aus “Marions Kochbuch”?) können im Anschluss im Internetangebot der ARD diskutiert werden.


