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Sommerlochblues

kolumnistenschwein Meine Gattin und ich, wir haben uns entzweit. Nicht wirtschaftlich oder gar körperlich, nein, kulturell gehen wir seit geraumer Zeit Wege, die nicht unbedingt parallel zueinander verlaufen. So zog es meine Lebensabschnittspartnerin letzten Samstag zu einer Veranstaltung, auf welcher einer der gegenwärtigen TATORT-Kommisare eigenes und abgekupfertes Liedgut zum vermeintlich Besten gab. An seiner Seite ein Regisseur, welchen es ebenso Abwegs seiner Haupteinkommensquelle hinzog, musikalisch Nebenerwerb zu betreiben. Darüber hinaus noch ein paar Musiker für Bass und Schlagzeug, um - so meine Vermutung - dem Ganzen einen Anstrich von musischer Komplexität zu geben. Auf die Frage, ob sie denn auch zu der Geselligkeit gehen würde, wenn der Künstler ein ausgesprochen Unbekannter wäre, also nicht alle 4 bis 6 Wochen zur besten Sendezeit in der ARD präsent, bekam ich von meiner Gattin eine Antwort, die nur mit viel Wohlwollen als wirklich dienende Auskunft zu bezeichnen wäre. Ein ziemlich leises Nuscheln, das die verbale Bestätigung wiederum sanft aber unmissverständlich negierte. Doch egal: Ich erbot mich zweckdienlich, Frau und Tochter zu chauffieren, um während des von ihnen besuchten Konzertes die Zeit damit zu verbringen, meinerseits auch Kulturdurst zu stillen.

Und wie ich stillte! Denn nicht fern der Lokalität, in der Axel Prahl alias Hauptkommissar Thiel Liedgut feilbot, gibt es einen von Studenten betriebenen Club, der wochenendlich Gelegenheit bietet, Tanzbeine zu schwingen, Haupthaar zu schütteln, oder auch - wie an diesem Samstag - experimentellen elektronischen Kompositionen zu lauschen. Dazu war der Eintritt völlig frei, ganz im Gegensatz zum von Gattin und Kind besuchten Konzert, wo Hauptkommissar Thiel alias Axel Prahl, wohl gemäß der Gewohnheit beruflich gebührenfinanziert zu sein, es auch dieses Mal nicht über sich brachte, diese Angewohnheit kurzzeitig abzulegen.

Nun sollte man ja immer, wo man etwas geschenkt bekommt, dieses Geschenk auffallend argwöhnisch begutachten, denn Dekaden nach der Wende ist selbst der durchschnittlichste Bürger allemal gewarnt: Rosstäuscher allenthalben, trojanische Pferde, soweit das Kundenauge reicht. Dazu fällt mir spontan ein Anruf meines noch für mich zuständigen Kommunikationsanbieters - nennen wir ihn an dieser Stelle der Einfachheit halber einmal Dobilcom-Mebitel - ein, in welchem mir eine schnellzüngige Call-Center-Mitarbeiterin innerhalb von zwei Minuten verklickerte, was mir auf Grund meiner langen Vertragsbindung nun alles geschenkt werde, um kurz darauf “zusammenzufassen”, dass dieser Service mich im Monat die Summe X kostet. Darauf wurde auch ich gesprächig, wobei gesprächig sicherlich nicht die ganz korrekte Umschreibung für eine verbale Entgleisung darstellt, welche kurz und knapp auf den Punkt brachte, dass der Beschenkte dankend, aber konsequent ablehnt.

Der Club war auch weniger mit Gästen, als mit sphärischen Klängen gefüllt. Ich holte mir eine Flasche alkoholfreien Bieres, denn nur mit klarem Kopf gilt es die Höhen und Tiefen unbekannter Kulturlandschaften zu erkunden, und nahm zwischen den nicht vorhandenen Gästen und den mir fremdländisch klingenden Klängen platz. Wobei mit fremdländisch extraterrestrisch gemeint ist. Auf der Bühne standen drei junge Herren, gewandet ähnlich den Daltons, allerdings in Nerd. Also Jeans, weiße Hemden und Hornbrillen, die man auf Grund ihrer Robustheit weniger beim Optiker, als im Baumarktregal vermutet. Und diese drei Herren drehten ständig an den verschiedensten Knöpfen ihrer elektronischen Geräte und scrollten Balken auf den Monitoren ihrer Apple-Produkte herauf und herunter, welche es mit allerlei Geräuschen, die aus mannshoch (sehr kleine Männer!) aufgestapelten Boxen quollen, laut quittierten. Und wenn sie nicht regelten und scrollten, so fuhren sie sich mit der Hand durchs Haupthaar, um es minütlich zu scheiteln und zu legen.

Nun bin ich jedweder Musik gegenüber scheunentormässig aufgeschlossen. Und ich respektiere jeden Künstler, denn Kunst heißt ja, das eigene Innere nach Außen zu wenden, was nicht nur nach Mut, sondern auch nach Körperbeherrschung schreit. Diesen Mut habe ich stets bewundert, denn sich unbewaffnet der Ungerechtigkeit zu stellen ist das Eine, sich mit intellektuell heruntergelassener Hose dem Bürger zu stellen, hingegen ein vollkommen Anderes. Auf der Straße stirbt man auf die Schnelle. Auf der Bühne indessen tausend Tode. Und wie die drei Herren starben! Und ich mit ihnen. So schnell es bei alkoholfreiem Bier nur möglich ist, trank ich mein Gesöff aus, verließ die Räumlichkeit, die hörbar auch schon von Melodie und Rhythmus verlassen wurde, und floh hinter das Gemäuer hinter dem Axel Prahl alias Hauptkommissar Thiel samt Band agierten. Ich setzte mich auf eine Parkbank und lauschte den Klängen, welche durch die offenen Fenster entwichen. Meiner Gattin hat das Konzert im Übrigen auch sehr gut gefallen. Tags darauf habe meinen Handy-Vertrag gekündigt.

Weitere Werke des Kolumnistenschweins gibt es übrigens auch als Kindle-Buch.


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  22.05.2013 The Intelligence
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