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Geldverdienen ist nicht Lebenssinn

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Je härter der Konkurrenzkampf, desto schwieriger das Überleben. Je aufwendiger der Überlebenskampf, desto mehr werden Ideale verdrängt. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, soll Bert Brecht von sich gegeben haben. Mittlerweile scheint der Prozess des Geldverdienens in praktisch allen gesellschaftlichen Schichten im Zentrum jeglichen Interesses zu stehen. Wer pleite ist, strebt nach dem Minimum. Wer über Vermögen verfügt, strebt nach mehr. Wer unter den gegebenen Voraussetzungen heranwächst, kann eigentlich nur dem Eindruck unterliegen, dass das Leben wirklich nichts anders zu bieten hat als Arbeit und Konsum.

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Ich schätze, es ist gut die Hälfte der Bürger in den Industriestaaten, die der Behauptung, dass die Menschen zum „Opfer des Konsums“ geworden sind, bestenfalls ein mildes Lächeln schenken. Wer mit Problemen kämpft, das Notwendigste zu finanzieren, wird sich kaum selbst als konsumorientiert betrachten.

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u bahnschacht geleiseDann gibt es noch diesen herrlichen Klischeespruch: „Wer wirklich arbeiten will, der findet auch Arbeit.“ Abgesehen davon, dass mehr Arbeitswille im Volk das Problem der Arbeitslosigkeit nicht lösen kann, weil sich dieselbe Zahl von Menschen bloß intensiver um dieselbe Zahl von Arbeitsplätzen streitet, was soll das bedeuten: „Wer wirklich arbeiten will!“?

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Ein Forscher, ungeachtet in welchem Gebiet, wird sich seiner Aufgabe gewiss mit Begeisterung hingeben. Ohne Zweifel will der Schauspieler spielen, der Musiker musizieren, der Schriftsteller schreiben. Ist es jedoch für einen Buchhalter lebenserfüllend, Zahlen zu verwalten? Für einen Angestellten im Supermarkt, die Regale aufzufüllen? Für einen Fließbandarbeiter, den ganzen Tag über die gleiche Handbewegung durchzuführen? Mit Sicherheit nicht. Hier geht es um den Willen, Geld zu verdienen.

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Verweilen wir kurz im Bereich der Oberflächlichkeit, so zeigt sich wohl kaum ein Unterschied. Arbeiten wir denn nicht alle, um Geld zu verdienen? Nachdem wir alle Geld brauchen, nehmen wir es somit auch gerne in Empfang – und demzufolge arbeiten wir auch gerne. Oder doch nicht?

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Stellt sich jemand die Frage, ob er seinen Beruf auch wirklich gerne ausübt, so kann er die wahre Antwort nur dadurch finden, indem er sich vorstellt, auf das verdiente Geld nicht angewiesen zu sein. Würde der Steuereintreiber auch dann noch Gefallen daran finden, seine Mitmenschen finanziell auszupressen, verfügte er über eigenes Vermögen? Der Beispiele ließen sich viele anführen.

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Bemühen wir uns, uns einzureden, dass wir zur Zeit unter den besten Voraussetzungen leben, die der Menschheit jemals gegeben waren, so lassen sich genügend Härtefälle aus der Vergangenheit ausgraben. Arbeiter, die zwölf und mehr Stunden vor den Maschinen standen. Schneidergesellen, die bis spät nachts bei schwachem Kerzenlicht Kleider nähten. Hauspersonal, das hilflos der Laune seiner Herrschaft ausgeliefert war.

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Doch, so sagt man, heutzutage genießt der Mensch Freiheit. Er wählt seinen Beruf nach eigener Vorstellung und Begabung. Jedem stünden Möglichkeiten offen, durch Fleiß und Disziplin eine eigene Karriere anzustreben. Doch sagt dieser Begriff „Karriere“ nicht schon aus, worum es sich dabei handelt.

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Schlagen wir bei Wikipedia nach, so finden wir lediglich den Hinweis, dass der Begriff der französischen Sprache entstammt. Suchen wir nach einer Übersetzung, so finden sich zuerst einige Worte, die nichts anderes aussagen als das, was wir unter Karriere ohnehin verstehen: beruflicher Werdegang, Laufbahn, Lebensweg. Doch taucht auch eine Bedeutung auf, die wir wohl kaum mit beruflichem Erfolg assoziieren: Steinbruch! Und wer sich tatsächlich mit vollstem Einsatz seiner Karriere verschreibt, lebt dieser Mensch nicht mit einem eingeengten Horizont, wie einst der Steinklopfer, bloß mit besserem Komfort und höherem Ansehen?

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Auch der moderne Begriff für den Arbeitslatz, „Job“, hat einen Ursprung, der keineswegs so „cool“ klingt wie das Wort. Ich nehme an, nicht viele Menschen sind mit dem „Buch Hiob“ vertraut, einem Teil des Alten Testaments. Beschrieben wird darin die Geschichte eines Mannes namens „Hiob“, an dem sich der Konflikt zwischen dem alttestamentarischen Gott und Satan ausdrückt (der in der Einleitung als einer der Söhne von Jahwe bezeichnet wird). Von den irdischen Kräften gequält, weigert Hiob sich jedoch vehement, sein Gottvertrauen aufzugeben. Satan versucht es immer wieder aufs neue. Eine „Hiobsbotschaft“ nach der anderen setzt ihn immer größeren Leiden aus. Und wem eine englische Übersetzung der Bibel zur Verfügung steht, der kann sich überzeugen, welchen Namen dieses gequälte Geschöpf darin führt: Job!

Dem modernen Zeitgeist entsprechend, genießen „Job“ und „Karriere“ den höchsten Stellenwert in unserem Leben. Aufgrund der seit Jahren gegebenen Übersättigung der Märkte, stellen sich für beides jedoch immer mehr Hindernisse in den Weg. Was die Übersättigung betrifft, bedeutet dies natürlich keineswegs, dass die Mehrzahl der Menschen tatsächlich über alles verfügt, was sie braucht oder ersehnt, denn Vielen fehlt es an Geld, das sich, wie sich seit Jahren beobachten lässt, immer schwerer verdienen lässt. Bloß angeboten wird alles im Übermaß. Und je größer das Angebot, sowohl an Waren und Dienstleistungen als auch an Arbeitskraft, desto mehr Probleme zeigen sich beim Versuch, Arbeit in Geld und somit Kaufkraft umzusetzen.

Was könnte das Leben, außer dem Broterwerb, denn sonst noch bieten?

Ich fürchte, die Zahl der Menschen, deren Interessen über das Genannte – gesteuerte Unterhaltung eingeschlossen – hinausreichen, ist deutlich im Abnehmen begriffen. Welchem Zweck sollte es schon dienen, sein eigenes Wissen zu bereichern? Sind die beiden Begriffe „Bildung“ und „Ausbildung“ nicht schon lange ineinander verschmolzen? Ist nicht schon lange vergessen, dass das eine der persönlichen Bereicherung, und zwar keineswegs im Sinne materieller Werte, dient und das andere der Erfüllung seiner gesellschaftlichen Verpflichtung als Arbeitskraft? Welchen Sinn soll es denn heute noch ergeben, über Wissen zu verfügen, wenn sich so gut wie alles per Mausklick im Internet nachlesen lässt?

Um auf den Unterschied zwischen „über Wissen verfügen“ und „zu wissen, wo sich nachlesen lässt“ kurz etwas näher einzugehen, möchte ich auf ein Extrembeispiel verweisen. In verschiedenen Glaubensrichtungen, also nicht nur im Islam, gibt es Menschen, die religiöse Texte tatsächlich auswendig lernen. Was für eine Zeitverschwendung, mag so mancher denken. Und seit junge Menschen in Schulen auch nicht mehr angehalten werden, die Schöpfungen der großen Dichter der Vergangenheit Wort für Wort in ihr Gedächtnis einzuprägen, ist es auch immer weniger Menschen bewusst, worin der Unterschied zwischen „mit etwas vertraut sein“ und „etwas beherrschen“ liegt. Doch jeder, der sich einmal der Aufgabe verschrieben hat, einen Text wirklich auswendig zu lernen, ist sich des enormen Unterschiedes bewusst.

Schauspieler verfügen zweifellos über diesbezügliche Erfahrung. Nichts könnte sie mehr mit der Gestalt vertraut machen, die sie auf der Bühne mimen, als das Einprägen der Dialoge, der exakt formulierten Gedanken. Das Erinnern an jedes zu sprechende Wort erlaubt nicht nur, den jeweiligen Charakter glaubhaft darzustellen, der Schauspieler wird während der Aufführung zu dieser Gestalt. Er wird zum Faust oder zum Mephisto, zum Hamlet oder zum Shylock.

Auch Musiker erleben es immer wieder, wenn sie ein Stück wirklich einstudieren, wie plötzlich im Geist die Vorstellung dessen erwacht, was der Komponist mit dem jeweiligen Stück auszudrücken versuchte. Doch ein Mensch, der sich solcher Aufgabe niemals verschrieb, kann wohl kaum über diese bereichernde Erfahrung verfügen, die der Prozess des Auswendiglernens mit sich bringt.

Und dementsprechend zeichnet sich auch ein gewaltiger Unterschied zwischen der Verfügbarkeit von Wissen und der bloßen Verfügbarkeit von Wissensquellen ab. Wer vor seinem Computer sitzt, mag Antworten auf beliebige Fragen durchaus rasch finden. Doch beim Wissenden handelt es sich um einen Menschen, der durch dieses Wissen geprägt ist, der zu dem, was er im Laufe seines Lebens in sich aufgenommen hat, geworden ist.

Wissen zu sammeln, seine eigenen Nachforschungen anzustellen, sich den Schönen Künsten zu widmen, der Philosophie, der Erkenntnis, all dies erfordert sowohl Zeit als auch Interesse. Jedes produktive Mitglied unserer modernen Gesellschaft mag hier sehr rasch hinzufügen, dass sich der Mensch in seiner Freizeit ja ohnehin der Weisheit verschreiben darf. Doch weiß nicht auch jeder, dass beruflicher Erfolg erfordert, seine gesamte Aufmerksamkeit, all sein Interesse zuerst dem beruflichen Werdegang zu widmen? Und welche Art von Jobs bleiben für Menschen, die nicht bereit sind, ihre ganze Lebensenergie den beruflichen Aufgaben zu verschreiben? Sind es nicht in den meisten Fällen äußerst frustrierende und noch dazu schlecht bezahlte Arbeiten? Sind wir dafür am Höhepunkt der menschlichen Entwicklung angelangt, dass jedes geistige Werk, jede Hingabe an Ideale, wirtschaftlichen Interessen zu weichen hat?

Der englische Schauspieler und Reiseberichterstatter Michael Palin äußerte über Bhutan, einem Land, das wir im Westen wohl als „rückständigbezeichnen würden, den Satz:Der politischen Führung dieses Landes scheint das Glücksgefühl der Bevölkerung wichtiger zu sein als das Bruttoinlandsprodukt!

Stellen wir uns vor, was Geschichtsforscher der Zukunft über jene Epoche berichten werden, in der wir heute leben. Gewiss, von den mächtigen Maschinen werden sie erzählen, die erschaffen wurden. Von Satelliten, die im All schweben, von bemannten Reisen auf den Mond und unbemannten, die weit über unser eigenes Sonnensystem hinausreichen. Von Kriegsgerät, das ausreicht, um den gesamten Planeten innerhalb weniger Tage auf Jahrtausende unbewohnbar zu machen. Von wirtschaftlichen Interessen, denen die Natur zu weichen hat. Von der Freisetzung von Radioaktivität, von der Produktion chemischer Stoffe, was bei den Menschen immer häufiger Krebs und andere Geschwüre auslöst.

So wie die heutigen Historiker die einstige Begeisterung für römische Arenen analysieren, werden sie von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften lernen. Von Barden, die Millionen faszinierten. Von technischen Spielereien, denen sich die Menschheit hingibt.

Was werden ihnen Dokumente, die sie eines Tages vorfinden werden, noch alles verraten? Werden sie glauben, dass Menschen in Glück und Zufriedenheit in komfortablen Häusern und Wohnungen lebten? Oder wird es eher einem Schreckensbild gleichen; Millionen zusammengepfercht in Städten; Menschenmassen, die durch U-Bahn-Schächte gedränt werden oder im eigenen Fahrzeug in endlosen Staus stecken? Werden sie von den Existenzängsten des Einzelnen lernen, der Monat für Monat zitterte, ob das Geld für die Miete reichen wird? Werden sie wissen, dass es sich bei den Bildern überfüllter Regale in Supermärkten und Kaufhäusern um Trugbilder handelt? Dass die Suche nach Billigangeboten für einen großen Teil der Menschen zum täglichen Leben gehörte?

Wodurch zeichnet sich unsere Epoche wirklich aus? Erlaubt es der erreichte Fortschritt, dass sich der Mensch seinen persönlichen Interessen widmen kann – oder findet er sich bloß einem verstärkten Konkurrenzkampf ausgesetzt? Werden musikalische Werke erschaffen, die in ihrer Qualität mit denen der Vergangenheit auch nur in irgendeiner Weise vergleichbar sind? Jedes Zeitalter, mit dem wir näher vertraut sind, brachte große Philosphen hervor. Über welche Philosphen des 20. oder gar 21. Jahrhunderts wird die Nachwelt lernen? Auch wenn sich vereinzelte Namen finden, wie Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger oder dessen Schüler Hans-Georg Gadamer, von einem Zeitalter der Philosophie können wir wohl kaum sprechen.

Wer interessiert sich denn heute noch für Philosophie? Ich fürchte, die Zahl jener Menschen, die zu solcher Bemerkung fähig sind, ist sehr groß. Bei ihnen handelt es sich wohl auch um diese überwältigende Mehrheit, die ohne Protest, ohne auch nur einen weiteren Gedanken über den eigentlichen Sinn zu verschwenden, dem Gelderwerb den ersten Rang unter ihren Lebensinteressen einräumt. Gefolgt von Unterhaltung, Sport und der Begeisterung für technische Spielereien. Nein, gewiss ist nichts daran auszusetzen, seine Texte in einen Computer zu tippen, sich einen anspruchsvollen Film anzusehen oder das Verfolgen eines Meisterschaftsspiels als kurzweilig zu empfinden. Die Frage dreht sich eher um den Stellenwert. Und auch darum, dass jene Interessen, die dem Menschsein vielleicht doch etwas mehr Qualität vermittlen würden, in den Hintergrund gedrängt werden. Dass dem denkenden Teil unserer Mitbürger zugemutet wird, sich dem Denken erst nach der Erfüllung aller Pflichten, die der Wirtschaft und der Erhaltung des Systems zugute kommen, zu widmen. Sofern dafür noch ausreichend Energie vorhanden ist. Und wenn nicht, handelt es sich wohl um ein minder zu bewertendes Problem des Einzelnen. Denn Denken führt schließlich weder zu gesteigerten Umsätzen noch zu Steuereinnahmen.

Und was sonst sollte in einer modernen Gesellschaft von Wert sein?

Über Konrad Hausener