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Irak-Protokolle decken nur einen Teil der Wahrheit auf

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us_soldaten_irakInsgesamt 391.000 Geheimdokumente aus dem Irak-Krieg stehen zur Analyse bereit. Neben einer nicht abzuschätzenden Zahl von Journalisten, sind Mitarbeiter von Geheimdiensten in aller Welt Tag und Nacht mit der Ausarbeitung beschäftigt. Die ersten Eindrücke zeigen eine Unzahl von tragischen Einzelschicksalen auf. Vom sinnlosen Töten über skrupellose Folter bis zum brutalen Mord. Es wird ein Bild des Krieges aufgezeigt, dass der Öffentlichkeit bis dato vorenthalten wurde. Trotzdem, die vorliegenden Dokumente galten als „geheim“. Wer immer Wikileaks’ Informant sein mag, zu jenem Material, das als „top secret“, also „streng geheim“, klassifiziert wurde, hatte auch er keinen Zugang.

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Grauenvolle Ereignisse, die sich in einem fernen Land zutragen, lassen sich leicht verdrängen. Wer regelmäßig Zeitungen liest, ist an hohe Opferzahlen gewöhnt, ungeachtet ob durch Kriege oder Naturkatastrophen. Setzt ein Gefühl des Schocks ein, wenn wir hören, dass die Zahl der toten Zivilisten im Irak um 15.000 höher liegt als bisher angenommen?

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Halten wir uns das Schreckensbild eines verwundeten Menschen vor Augen, der langsam zu Tode blutet. Schenken wir der einen Geschichte von der schwangeren Frau Aufmerksamkeit, die von ihrem Arzt in die Entbindungsklinik gefahren wird, dabei einem US-Checkpoint zu nahe kommt und im Kugelhagel stirbt. Denken wir an junge Männer, die durch Peitschenschläge und Elektroschocks gefoltert werden, an ihre Hilfeschreie, an die Erbarmungslosigkeit des Folterknechts. Es sind dramatische Einzelschicksale. Qualvolle, tödliche Schicksale. Wie oft müssen wir dieses Gedankespiel, das Ausmalen der Leiden Einzelner, wiederholen, um zu begreifen, was Krieg wirklich bedeutet?

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Gleichzeitig beleuchten die Dokumente aber auch die Situation der Besatzungssoldaten. Wie viele von ihnen zerbrechen unter dem physischen und psychischen Druck. Der Spiegel berichtet über den Unteroffizier John Russel. Am 11. Mai 2009 erschoss er fünf Kameraden im Kriegstraumazentrum von Camp Liberty. Und die Selbstmorde unter den aktiven Soldaten steigen von Jahr zu Jahr. Allein für 2009 gibt Der Spiegel die Zahl mit 163 an. Doch noch deutlicher zeigt sich das Dilemma amerikanischer Soldaten im Kriegseinsatz nach ihrer Abrüstung. Wie The Intelligence schon im Januar informierte, weist auch der genannte Artikel nun darauf hin, dass es jeden Monat durchschnittlich 1.000 US-Veteranen sind, die ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen. Die Opfer des Krieges finden sich auf allen Seiten.

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Was wurde Saddam Hussein einst vorgeworfen? Er hätte die Bürger seines eigenen Landes gefoltert und getötet. Rund 1.300 der von Wikileaks veröffentlichten Dokumente berichten über Folter durch irakische Polizei oder Militärs an ihren eigenen Landsleuten. Die US-Soldaten standen unter dem Befehl, über die Vorkommnisse zu berichten, nicht jedoch, sie zu unterbinden. Und wie viele Menschen starben seit der Entmachtung Husseins, seit der „Befreiung“ des irakischen Volkes?

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Die neusten Enthüllungen bringen die Toten nicht mehr zum Leben, befreien die Gefolterten nicht von ihren Leiden. Auch dürfen wir kaum erwarten, dass die wahren Schuldigen jemals zur Verantwortung gezogen werden. Was diese Dokumente jedoch in aller Deutlichkeit aufzeigen, sind die Lügen mit denen wir, Bewohner des Planeten Erde, Bürger demokratischer, sogenannter „freier“, Länder regelmäßig und mit unverschämter Oberflächlichkeit konfrontiert werden. Brutale Angriffe auf souveräne Staaten werden als Akt der Menschlichkeit, als Rettungsaktionen präsentiert. Und damit meine ich nicht nur den Krieg im Irak. Die wenigen humanitären Motive, Frauen vor dem Schleierzwang zu retten, jungen Mädchen den Zugang zu Schulen zu ermöglichen, buddhistische Kulturdenkmäler vor radikalen Islamisten zu schützen, dabei handelt es sich um nichts anderes als Propaganda-Aktionen, um billige Erklärungen der Öffentlichkeit gegenüber, so wie es auch bei den Kriegen der Vergangenheit der Fall war. Die wahren Anlässe und Hintergründe bleiben weiter im Verborgenen.

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Die jüngste Veröffentlichung von Geheimdokumenten könnte ein Weckruf sein, ein Anlass zum Nachdenken darüber, wie es möglich ist, die Illusion von Transparenz und Fairness aufrecht zu erhalten, obwohl das allgemein vorherrschende Gesamtbild keineswegs mit den Fakten übereinstimmt. Erinnern wir uns an die Intensität der Berichterstattung über die Ereignisse vom 11. September 2001. Knapp 3.000 Menschen starben an diesem Tag und Fernsehstationen in aller Welt änderten ihre Programme, um die schrecklichen Bilder aus New York ihren Zusehern live ins Wohnzimmer zu liefern. Wie viele Menschen starben im Irak und in Afghanistan? Ist deren Leben weniger wert als das der Angestellten im World Trade Center? Sind Flugzeuge tödlichere Waffen als Bomben und Lenkraketen? Ist der Grad der Unschuldigkeit irakischer Zivilisten anders zu bewerten als jener amerikanischer Bürger?

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Wer den Medien vorwirft, ihre Berichte einseitig zu gestalten, wer Politiker bezichtigt, den Interessen einer Elite mehr Augenmerk zu schenken als denen ihrer Wähler, gerät leicht in den Verdacht, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Sollten wir es deswegen wirklich unterlassen, nach Hintergründen, nach Erklärungen zu fragen? Klangen Berichte über Folter und sinnloses Töten im Irak, insbesondere unter dem Hinweis auf die Verheimlichung all dessen, bis jetzt nicht ebenfalls nach Verschwörungstheorie? Es sollte an der Zeit sein, unser Weltbild neu zu überdenken. Wir sollten es endlich ablehnen, uns mit billigen Ausreden zufrieden zu geben, wie etwa Hillary Clintons Stellungnahme, dass es sich bei der Veröffentlichung der besagten Dokumente um eine Gefährdung der US-Truppen handle. Und, ohne es an dieser Stelle näher auszuführen, sollte es sich bei den Enthüllungen über den Irak-Krieg wirklich um einen Einzelfall handeln oder könnten wir vielleicht doch annehmen, dass es mehr, dass es wichtigere Ereignisse gibt, die der Öffentlichkeit ebenfalls vorenthalten werden?

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Über Konrad Hausener