Ausgespielt und abgepfiffen: Was der Fußball alles überschattet
Halbfinale! Wir haben es geschafft! Wir alle im Fernsehsessel, die wir doch trotz alledem immer ein Fünkchen besser gekickt hätten als die jeweiligen Elf, die schweißgebadet hinter dem Rund herhecheln. Außerdem sorgten Schieds- und Linienrichter dafür, dass kein Foul uns vorzeitig vom Unterhaltungsball trennte. Nun ja, eben NICHT alle. Was passiert, wenn da nur einer der Unparteiischen versagt bei seiner Arbeit, wurde ebenfalls deutlich: Postwendend bekam diese arme Socke die rote Karte, die ihn ins Karriereaus manövriert. Unter den Millionen von kritischen Zuschaueraugen konnte da nichts unter die Torlinie gekehrt werden! So schickten wir die Teams aus Griechenland und Holland nach Hause, genauso gut hätte es unsere Jungs vorzeitig treffen können. Ein Beinbruch wäre dies aber nicht gewesen. Sagen wir, lediglich die Souvenierbranche hätte gelitten. Während wir von der ein oder anderen Nachricht Notiz genommen hätten, die die Ziellinie unseres Wahrnehmungszentrums doch noch erreicht hätte:
Zwei Reaktoren in Oi, Präfektur Fukui, gingen wieder ans Netz. Aus Angst vor den angedrohten Energieengpässen in den heißen Sommermonaten gaben die örtlichen Behörden nach. Zum Trost darf sich die Bevölkerung wieder Meeresfrüchte einverleiben, Octopusse und Meeresschnecken seien „essbar“. Nun ja, essbar sind auch alle Pilze, manche eben nur einmal. Aber nein, es wurde keinerlei Radioaktivität gemessen. Glaubwürdiger wäre eine Aussage, nach der die Radioaktivität unter dem von der Regierung genehmigten Niveau läge ... wobei wir ja schon längst wissen, dass dieses Niveau auch schon im Sinne und zum Zwecke der Verschleierung angehoben wurde.
Aber was soll's, wozu die Aufregung? Japan ist weit, zudem haben wir nun mal keinerlei Einfluss auf die dortigen Politiker. Wir leben glücklicherweise in Europa, zudem noch in einem Land, in dem wir Einfluss in Richtung Energiewende und Verbraucherschutz nehmen können. Wie gut unser Verbraucherschutz aufgestellt ist, konnten wir ja bereits beim Dioxinskandal und der EHEC-Epidemie feststellen! Und unser europäischer Energiekommissar wird alle Störfälle und Risikofaktoren, die die Atomindustrie so mit sich bringt, schonungslos ans Tageslicht zerren und verurteilen. Das ist er seinem Amt, in dieses er übrigens von Frau Merkel katapultiert wurde, schuldig! Für die Atomlobby unbequeme Meldungen gab es übrigens genug. In Schwedens größtem AKW wurde Sprengstoff entdeckt. Durch Konrad, genehmigtes nukleares Endlager, fließt der taz.de zufolge mehr Wasser als in die pannengeplagte Asse. Das sind Meldungen allein innerhalb der vorletzten Juniwoche, eine Zusammenfassung der monatlichen Störfälle findet man auf den Seiten von contratom.
Auf der Seite der Hannoverschen Allgemeinen dagegen findet man ein kleines aber aufschlussreiches Protokoll darüber, wie Herr Oettinger tickte, immer noch tickt und wohl auch zukünftig ticken wird , wie die Zeitbomben sprich AKWs, solange sie nicht gänzlich runtergefahren und abgekühlt sind. Die Energiewende sei zu teuer, ideologisch und arrogant. Berlin sei eben Berlin – immer etwas arrogant. Und die üblichen Schreckensszenarien wie unbezahlbar hohe Strompreise und Wettbewerbsnachteile werden sogar noch erweitert: Gazprom, die neue Rote Armee Putins, werde uns überrollen.
Kein Wort über die Möglichkeiten, Energie der „kurzem Wege“ umweltfreundlich zu erzeugen und somit den drohenden Abhängigkeiten und langen Verteilungswegen zu entgehen. Dabei ist die Vollversorgung mit selbst erzeugtem Strom vor Ort durchaus machbar, wie ein Beitrag von zdfzoom am Beispiel der fränkischen Gemeinde Haßfurth aufzeigt. Dies verschweigen die zuständigen Politiker, diese Unabhängigkeit scheint ihnen ein Dorn im Auge zu sein. Zum Glück sind wir ja gerade dabei, unsere Entscheidungssouveränität Stück für Stück an die EU abzugeben, da dürfte unser „arroganter Alleingang“ eh wieder vom Tisch sein. Es sei denn, die für dieses Spiel zuständigen Schieds- und Linienrichter zücken hellwach und konzentriert die rote Karte.
Leider scheinen diese vom EM-, Olympia-, Trash-TV-und- was-da-noch-alles-angeboten-wird-Fieber gebeutelt und dahingerafft sein. Das letzte Aufbäumen erfolgt allerhöchstens dann, wenn hochrangige Politiker doch noch zum Endspiel in Kiew aufwarten und den dort ansässigen Menschenrechten einen Bärendienst erweisen. Derweil wird unser Grundgesetz verbrannt und anonym vergraben, weil sich niemand zuständig fühlt.


