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Ein Jahr nach Mubarak: Die Situation in Ägypten

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Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – das ist eine alte Volksweisheit, die einem ganzen Land zum Verhängnis werden könnte. Die Ägypter wollen und können dem ägyptischen Militärrat nicht mehr glauben. Und doch wäre es so wichtig, dass sie es dieses eine Mal tun. Seit dem Blutbad von Port Said ist im Staatsfernsehen seitens des Militärs immer wieder von einer Verschwörung gegen Ägypten die Rede. Auch politische Insider sprechen mit vorgehaltener Hand immer öfter von einer Infiltrierung des Landes. Die USA und Israel würden versuchen in Ägypten Chaos zu schüren, um vom eigentlichen Problem in der Region, dem geplanten Angriff von Israel auf den Iran, abzulenken und für das Unternehmen „Neue Weltordnung“ ein weiteres Stück Nordafrika zu erobern. Bereits die erste Revolution soll von außen gesteuert worden sein. Natürlich ruft diese Annahme wieder viele auf den Plan, die sogleich: „Alles nur stupide Weltverschwörungstheorie“, ausrufen, und doch spricht so viel dafür, dass das Militär die Wahrheit sagt.

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Dazu würde auch der Satz eines ehemaligen Militär-Offiziers passen, der sich allerdings schon vor Jahren von diesem Apparat zurückgezogen hat und jetzt einer ganz anderen Beschäftigung nachgeht. Dieser Mann sagte mir in einem Interview: „Das war ja an sich gar keine Revolution. Das war einfach eine Demonstration, bei der die Menschen ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen und Änderungen herbeiführen wollten. Am Ende haben wir uns mit dieser Revolution selbst überrascht.“

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Das „Spiel“ mit Revolutionen ist ja in vielen Ländern ein leichtes. Man nehme einen Diktator, ein unzufriedenes Volk (und niemand mag den Ägyptern absprechen, dass sie nicht genügend Gründe hatten und haben, unzufrieden zu sein), steuere Geld und Organisationstrainings für medizinische Versorgung und den richtigen und sicheren Gebrauch von Kommunikationsmitteln in turbulenten Zeiten bei, und schon kann man eine handfeste Revolution kreieren. Eine, die ganz sicher zum Erfolg führt. Aber zum Erfolg für wen?

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Wenn man sich die Aufteilung der libyschen Schätze ansieht, wo es genau so gelaufen ist, dann weiß man, wer gewonnen hat. Das Volk ganz bestimmt nicht. Auch Muammar al-Gaddafi (mit Sicherheit ebenfalls kein Heiliger) hat damals von „Terroristen“ gesprochen, die sein Land unterwandern und ausbeuten wollen. Was war das für ein Schenkelklopfer im Westen. Was wurde darüber gelacht. Schon aufgrund seiner Karnevalsgarderobe wurde der Wüsten-Despot mit der Vision eines vereinten Afrikas gerne als verrückt abgestempelt, und dennoch solange in ganz Europa hofiert. Der Mann mag sich komisch gekleidet haben, aber seinem Volk ging es gut. Und dennoch war da plötzlich diese Revolutionsfaust. Wieso eine Faust, wenn es doch bei den Demonstrationen um Freiheit, Friede und Wohlstand geht!? Wieso ein Zeichen der Gewalt, wenn man doch genau dagegen auftritt? Findet diesen bildlichen Widerspruch denn niemand seltsam?

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Die Faust ist auch ein Markenzeichen der ägyptischen Revolution. Der jungen Frauen und Männer, die von Freiheit und einem besseren Leben träumen und sich deshalb als „Kanonenfutter“ für die Drahtzieher anbieten, die ihr Land ins Chaos stürzen wollen. Es ist schwer zu unterscheiden. Wer sind die „Guten“ und wer sind die „Bösen“? Von außen ist das Bild so klar. Das unterdrückte ägyptische Volk erhob sich im arabischen Frühling gegen seinen Diktator Hosni Mubarak und bekam zur Belohnung eine Militärführung, unter der es jetzt erst recht geknechtet wird. Mubarak und die militärische Speerspitze Mohammed Hussein Tantawi sind also die Bösen und die Demonstranten sind die Guten. Die Wahrheit scheint auf der Hand zu liegen. Das ist aber eben nur scheinbar wahr.

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„Wir sagen ganz ehrlich, dass es gegen Ägypten eine Verschwörung gibt. Einen Plan, der unser geliebtes Ägypten ins Herz treffen soll. Man will die Nation schwächen und ins Chaos stürzen. Wir werden uns diesem Druck nicht beugen!“ – diese Botschaft sandte das Militär gestern an sein Volk und an den Rest der Welt. Worte, die so wahr sind, und doch als Lüge belächelt werden – bestenfalls belächelt werden. Die Menschen auf der Straße versetzen sie förmlich in Rage. Das Militär hat zweifelsohne genug Dreck am Stecken und hat oft die USA oder Israel bemüht, wenn es um eine billige Ausrede ging. Dieser Umstand könnte sich jetzt als Bumerang entpuppen, der nicht nur das Militär, sondern ganz Ägypten am Kopf treffen könnte.

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Auch mein Gesprächspartner, nennen wir ihn künftig Abdallah S. (der richtige Name ist der Redaktion bekannt), ist davon überzeugt: „Die Demonstration hat innerhalb Ägyptens begonnen, aber die Revolution wurde von außerhalb gesteuert und organisiert. Das Problem ist, das alle aus dieser Revolution für sich etwas rausholen wollen, jeder will sich für etwas revanchieren.“ Und die Stränge, an denen da gezogen wird, das sind viele. Sehr viele!

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Die politische Lage in Ägypten ist eine komplexe und sie hier aufzuarbeiten, würde zu weit führen. Die Vielschichtigkeit des Landes und seine Historie spiegeln sich einigermaßen in der Vielzahl von Interessengruppen wieder. Der Rucksack, den dieses Land mit sich schleppen muss, ist nicht nur mit drei Dekaden Diktatur gefüllt. Da ist weit mehr drinnen und dementsprechend strauchelt Ägypten unter dieser Last. Abdallah fürchtet: „Egal welcher Präsident auch kommen wird, er kann einfach nicht alle glücklich machen.“

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Wie es scheint, würde Ägypten tatsächlich einen „Zauberer Houdini“ als Präsidenten brauchen. Da gibt’s einerseits die mehrheitlichen Moslem-Brüder, in deren Parlamentsreihen unter anderem Leute sitzen, die 1981 – im Zuge des Anschlages auf Sadat – einige Polizisten töteten und die während der Mubarak-Ära im Gefängnis saßen (ein schier unvorstellbarer Umstand, für mitteleuropäische Köpfe), andererseits die radikalen Salafisten, die von Saudi-Arabien gesponsert werden, und dann wäre da noch der liberale Flügel. Nicht zu vergessen die Beduinen, die in letzter Zeit vor allem auf der Halbinsel Sinai mit Touristen-Entführungen auf sich aufmerksam machen. Die großen Beduinen-Familien wehren sich gegen diese Unterstellungen, zumal sie vom Tourismus leben. Auch sie sprechen von Sabotage. Menschen kann man kaufen. Nicht nur in Ägypten. Last but not least sind natürlich auch die Menschen auf der Straße zu erwähnen. Die Demonstranten, die teilweise wiederum von Kräften aus dem Westen, die es mit Ägypten nicht so gut meinen, unterwandert und gesponsert sind.

Die Mehrheit aber sind jene Menschen, die von Politik keine Ahnung haben, schon gar nicht von der, die um das große Ziel „Neue Weltenordnung“ gesponnen wird. Sie wollen einfach nur ihre Familien ernähren, ihrem Glauben nachgehen (welchem auch immer) und in Freiheit und in Frieden leben. Wie überall wird die Politik am Rücken dieser Menschen ausgetragen. Und sie sind es auch, die in Zukunft noch mehr zur Kasse gebeten werden sollen.

Elf Milliarden US-Dollar würde Ägypten in den nächsten beiden Jahren brauchen. Die Haupteinnahmequellen des Landes sind Öl (was einen geringen Prozentsatz ausmacht), der Tourismus (der am Einbrechen ist), der Geld-Transfer (sechs Millionen Ägypter leben im Ausland und schicken regelmäßig Geld an ihre heimischen Familien) und die Steuern. Letztere sind ein extrem wunder Punkt. Der aktuelle Finanzminister träumt unter anderem von der Einführung einer Mehrwertsteuer. „Das ist ein Drama“, sagt Abdallah, und folgt der Logik: „Wovon sollen die Leute denn eine Mehrwertsteuer bezahlen, wenn sie ohnehin schon so wenig, bis gar nichts verdienen?!“ Eine gute Frage, auf die nicht zuletzt der künftige Präsident Ägyptens eine Antwort parat haben sollte. Wer auch immer das Rennen machen wird, zu beneiden ist dieser Mann nicht.

Zu allem Überfluss laufen nämlich auch noch rund 4.500 Diebe und Räuber, die während der Revolution aus den Gefängnissen freikamen, durch die Gegend und treiben ihr Unwesen. Noch selten war Ägypten auch aufgrund der Kriminalität, die raketenartig in die Höhe schnellt, so instabil wie heute. Die Zustände sind – primär in der Hauptstadt – trotz der eisernen Militärherrschaft, nahezu anarchische.

All das sind keine guten Nachrichten. Auch nicht für die Aktivisten und Blogger, bei denen man nicht wissen kann, ob sie wirklich nur für ihre Freiheit oder für Kräfte von außerhalb kämpfen. Sie twittern Durchhalteparolen – wobei da auch immer wieder von „the new movement“ die Rede ist, und ergreifende Sprüche wie: „If we were able to build the pyramids, then we could pull down a wall. It is in our blood” (dabei ging es um jene Mauer, die vom Militär an der Mohamed Mahmoud Straße vor dem Innenministerium aufgebaut und von den Demonstranten niedergerissen wurde). Der vom „new movement“ geforderte und groß angekündigte Zivilstreik zum gestrigen Jahrestag des Rücktritts von Mubarak blieb in Kairo aber aus. Ein paar Studenten versammelten sich zwar, aber am Flughafen wurde ebenso gearbeitet wie in allen anderen Einrichtungen, außer jenen, die ohnehin frei hatten, zumal in Ägypten der Samstag das ist, was bei uns der Sonntag ist. Gegen diesen Streik war ja nicht nur das Militär, sondern auch die Moslembrüder, die Christen und ein Großteil der Bevölkerung, der meinte, dass man in Ägypten jetzt lieber arbeiten, anstatt streiken sollte.

Auf jeden Fall verbünden sich aber viele Demonstranten mit ausländischen NGOs (Nichtregierungsorganisationen) – gegen die das Militär derzeit massiv vorgeht, weil man dort vermutlich weiß, wie groß ihr Anteil an der „Revolution“ ist – und andererseits liest man Statements wie dieses: „One of the biggest dictatorships in the world, is the United Nations. Out of 192 countries, only 5 countries have the unmatched privilege to veto and reject any decision agreed by the remaining 191 countries. What a shameful system!“ – gepostet auf facebook von der ägyptischen Revolutionsbewegung „We are all Khaled Said“.

Wer sind die Guten und wer sind die Bösen? Das strahlend schöne Bild von „the great Om El Donya“ (großartige Mutter Erde), wie die Ägypter ihr Land liebevoll nennen, ist mehr als nur angekratzt. Es droht zu zerbrechen. Wollen wir hoffen, dass es für Ägypten nicht zu spät ist, bis man rausgefunden hat, wer gut und wer böse ist, und hoffen wir auch, dass die Zukunft folgenden Tweet von Sandmonkey Mahmoud lügen strafen möge: „The Arab Spring just turned into a nuclear fuckin’ winter!“

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